LEITVORSTELLUNGEN
Als nach
dem Friedensvertrag Journalisten Mustafa Kemal fragten, ob nun erreicht sei,
was er gewollt habe, antwortete er: "Die Hauptsache kommt erst
jetzt."
Und in der Tat erscheint die Befreiung des Landes eher wie ein - freilich unerläßliches-Vorspiel
gegenüber dem, was aus dem befreiten Land die moderne Türkei gemacht hat und
dem "Kemalismus" erst den vollen Wortsinn verleiht: dem politischen
Reformwerk.
Weil dieses Werk ein außerordentlich großes Spektrum umfaßt und weil manche
begrifflichen Klärungen nötig sind, ist es der Übersichtlichkeit dienlich, bei
seiner Beschreibung die biographisch-chronologische Darstellungsform gegenüber
einer systematischen hintanzustellen.
Für die Systematisierung bieten sich als Ordnungsgesichtspunkte die sogenannte
"sechs Prinzipien" ("Pfeile") an, welche Mustafa Kemal
politisches Handeln schon in frühen Stadien zu leiten begannen. Wenn sie erst
am 5. Februar 1937 in die Verfassung aufgenommen wurden, so deutet die an, daß
es sich hier um keine "Doktrin" handelt, um keinen
Glaubenszusammenhang also, der, von einen irrationalen Grunde ausgehend, gern
ein starres Schema über die Wirklichkeit stülpt, sondern vielmehr um
Leitvorstellungen eines pragmatischen Denkens - dies eine grundsätzliche Kennzeichnung
der "Prinzipien", die nun in der Reihenfolge
"Nationalismus"
, "Populimus",
"Republikanismus",
"Laizismus",
"Etatismus",
"Revolutionismus"
gekennzeichnet werden sollen.
NATIONALISMUS
"Nationalismus" reicht sicher am
weitesten in Mustafa Kemals Lebensgeschichte zurück. Er spielte, wie oben schon
mitgeteilt, seit der Offiziersausbildungszeit in seinem Denken eine führende
Rolle.
Das für Deutsche heute mißverständliche Wort meint zunächst einmal, in
Anlehnung an die europäische Konzeption des Nationalstaates, den Verzicht auf
den Vielvölkerstaat der Osmanen, Verzicht wohlgemerkt zu einer Zeit, als die
Siegerländer der Ersten Weltkrieges noch an Kolonien und Einflußsphären dachten
und gleichermaßen auf Idee wie den Panturanismus (die Vereinigung aller als Turkvölker
ansprechbaren Ethnien) oder den Panislamismus.
Das Wort verknüpfte sich sodann natürlich mit dem Kampf um die Unabhängigkeit
des "nationalen Vierecks" (als Viereck stellt sich die heutige Türkei
auf der Landkarte dar). "Heute erkennen die Nationen der Welt nur eine
einzige Souveränität an: die nationale Souveränität", so gab Mustafa Kemal
eine bezeichnend pragmatische Begründung. Seit dem Sieg bedeutet
"Nationalismus" dann, daß sich die Bürger mit dem befreiten Land
identifizieren - mit entsprechender Distanzierung von der übernationalen
Gemeinschaft aller Muslime, der Umma (ümmet). "Welch ein Glück, wenn einer
von sich sagen kann: Ich bin ein Türke", artikulierte der Präsident das
neue nationale Selbstwertgefühl und konnte sich zunehmend in seinem Glauben
bestätigt sehen, daß die Identifikationskraft der Nation größer war als die
eines brüchig gewordenen Großreiches.
Dieses neue patriotische Empfinden sollte ausdrücklich ohne alle aggressiven
Tendenzen nach außen hin sein. "In brüderlicher Verbundenheit mit allen
Völkern und unter Verzicht auf jede territoriale Expansion ist die eigene
nationale Identität harmonisch und zugleich in modernem Geiste zu
entwickeln", hieß es. Als man dem Sieger des Befreiungskrieges in Izmir
eine griechische Fahne zu Füßen legte und ihn einlud, darauf zu treten,
Griechen hätten mit der türkischen Fahne gleiches getan, sagte er zornig:
"Eine Flagge ist das Symbol für die Ehre eines Landes, und es verbietet
sich, auf ihr herumzutrampeln." 1930 folgte der griechische Staatspräsident
und alte Kriegsgegener Venizelos einer Einladung nach Ankara, die in einem
Freundschaftsvertrag ihren Abschluß fand.
1937 stattete König Edward VIII von England der Türkei einen Besuch ab. Die
Bewunderung Hitlers, Mussolinis und Stalins, welche fremde Nationalität
ersichtlich wenig achteten, erwiderte Mustafa Kemal aus diesem und anderen
Gründen mitnichten, äußerte sich im Gegenteil sarkastisch über ihren
menschlichen Zuschnitt, auch mit Besorgnis und großer Hellsicht über die
Bedrohung des Friedens auf dem Kontinent . Und wenn es noch eines Beweises
bedurfte, daß der türkische "Nationalismus" nicht als Gefahr
empfunden wurde, so war es 1932 die Einladung an den jungen Staat, dem
Völkerbund beizutreten (aus dem Deutschland im Jahre darauf austrat), und daß
1936 der Türkei die Hoheit über die Meerengen wieder zugesprochen wurde, Durch
Verträge mit Nachbarn im Westen (Balkanstaaten) wie im Osten (Persien,
Afghanistan) unterstrich Mustafa Kemal eine Überzeugung, die er 1931 so
ausgedrückt hatte: "Die Menschheit ist ein Organismus, und die Völker sind
seine Organe. Diese Einsicht rettet die Völker vor dem Egoismus. Das einzige
Mittel, die Menschen glücklich zu machen, ist, sie einander
näherzubringen."
Für die Bürger der Türkei war ferner wichtig, daß der "Nationalismus"
die Nation nicht rassisch oder religiös definierte, sondern gewissermaßen
kulturell, insofern die Menschen mit gleicher Geschichte auf gleichem Boden
gemeint waren. So war für die verschiedenen Ethnien im "nationalen Viereck"
- auch für die Kurden - die Möglichkeit eröffnet, gleichberechtigt und
friedlich miteinander zu leben. Kemalisten mögen auf die USA geschaut haben, wo
mindestens ebenso viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ein gemeinsames
Nationalgefühl entwickelt hatten. In hohem Maße läßt sich so das Prinzip
"Nationalismus" kennzeichnen mit der von Mustafa Kemal stammenden
Formel "Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt."
LAIZISMUS
Das eingreifendste und bis heute folgenreichste der
sechs "Prinzipien" ist sicherlich das hier an vierte Stelle gesetzte,
der "Laizismus". Das Wort meint die Trennung von Religion und Politik
samt öffentlichem Leben.
Daß beides, wie schon oben mitgeteilt, im Osmanischen Reich eng miteinander
verflochten war, hat seinen Grund in der Entstehungsgeschichte des Islam:
Mohammed war - wie Moses, aber anders als Jesus - nicht nur Religionsstifter,
sondern auch "weltlicher" Leiter der Gemeinschaft seiner Anhänger,
und nicht weniger als auf die religiöse Offenbarung waren diese auf die Vorschriften
fürs profane Leben verpflichtet. Die wurden mit vergleichsweise geringen
Veränderungen durch die Jahrhunderte tradiert, und weltlicher Oberhaupt, der
" Kalif" ("Nachfolger"), unterstützt von "geistlichen
Gerichtshöfen":
Wodurch wurde bei Mustafa Kemal die Entscheidung für den die Lebensbereiche
trennenden "Laizismus" bewirkt? Falsch wäre es, darin Religionshaß zu
sehen. Laizismus kämpft nicht gegen Religion schlechthin. Sie hat allerdings
Privatsache zu sein, denn der Bezug zum Jenseitigen wird als ein individueller
Bezug betrachtet. (Auch zeitgenössische islamische Theologen dachten in dieser
Richtung und sahen hier sogar die Chance einer Verinnerlichung der Religiosität
im Sinne des berühmten Dichterworts: "Eine Ameise führt mich zu
Gott"). Die Gründe für Mustafa Kemals Entscheidung waren letztlich
überhaupt keine religiöse, sondern politische, waren Zielsetzung, für deren
Verwirklichung allerdings die Befreiung des politischen Bereichs vom Religiösen
Überwurf unerläßlich erschien: Schon in dem jungen Offizier war die
pragmatische Überzeugung herangereift, ein Staatswesen seine Maßstäbe und
Handlungsanweisungen weiterhin dem Koran und der erstarrten religiösen
Überlieferung entnehme, werde hoffnungslos zurückhängen hinter dem Fortschritt
in der Welt, hinter dem Fortschritt, wie er durch die westliche Zivilisation
seit der Aufklärung, insonderheit durch die Wissenschaft garantiert werde. Um
im Konzert der Völker auf Dauer eine Stimme zu haben, müsse die Türkei
wesentliche Elemente dieser Zivilisation (immerhin der der Kriegsfeinde)
übernehmen). "Auf der Welt sind für alle , für das Materielle und das
Ideelle, für das Leben und für den Erfolg die Wissenschaft und die Technik die
wahrsten Führer. Einen solchen Führer außerhalb der Wissenschaft und Technik zu
suchen ist gleichbedeutend mit Gedankenlosigkeit, Unwissenheit und
Irrtum", hat Mustafa Kemal 1924 in einer Rede zugespitzt. (Heute sind im
Westen Zweifel an der Richtigkeit einer solchen Konzeption wachgeworden. Damals
dachte man aber durchweg noch so, und gar für einen politischen Führer, der
sein wenig entwickeltes Land nach vorne bringen wollte, gab es sicherlich keine
andere Perspektive).
Die für eine Übernahme westlicher Vorstellungen und Einrichtungen hinderliche
religiöse Durchdringung von Politik und Öffentlichkeit war repräsentiert und
personifiziert im Kalifat. Die Absicht, es abzuschaffen, rief erwartungsgemäß
nach ihrem Bekanntwerden konservative Verteidiger im In- und Ausland auf den
Plan. Der Staatspräsident verteidigte offensiv das Vorhaben und konnte
feststellen, daß die ausländischen Gegenstimmen in der Türkei selbst empört als
Einmischung empfunden wurden. Am 3. März 1924 beschloß die "Große
Nationalversammlung" mit riesiger Mehrheit die Abschaffung des Kalifats. (
Der letzte Amtsinhaber verließ daraufhin das Land). Kurz danach wurden auch die
"geistlichen Gerichtshöfe" geschlossen und das Amt des Scheich-ul
Islam, des höchsten Vertreters islamischen Rechts (von ihm war 1920
beispielsweise die "Fetwa" gegen Mustafa Kemal ausgegangen)
aufgelößt, desgleichen 1925 die einen obskuren Einfluß ausübenden
Derwischorden;
1932 wurden noch die Predigerschulen geschlossen. Seit 1928 enthält die
Verfassung den Satz "Die Religion des türkischen Staates ist der
Islam" nicht mehr. Seit 1924 kamen dann Zug um Zug auch die nicht
unmittelbar die Religion betreffenden, sondern unter den "westlichen"
Leitvorstellungen "Gleichberechtigung" und "Zivilisation"
geplanten Reformen zur Verwirklichung.
Unter dem Stichwort "Populismus" ist oben schon das Frauenewahlrecht
angeführt worden. Ebenfalls die Stellung der Frau hebend waren die Abschaffung
der Polygamie und die Aufhebung des Schleierzwangs. Zu letzterem sei eine für
Sache wie Person bezeichnende Äußerung Mustafa Kemals zitiert:" Während
meiner Reise habe ich die Frauen, unsere Kameraden, nicht nur in den Dörfern,
sondern auch in kleineren und größeren Städten mit sorgfältig verhüllten Augen
und Gesicht gesehen. Ich denke, daß diese Schleier und Tücher, besonders
während dieser heißen Jahreszeit, zweifellos eine Quelle des Unbehagens und
Unwohlseins für sie sind. Meine männlichen Kameraden! Unsere Frauen sind
empfindsam und von Geist beseelt wie wir auch. Benötigen sie noch unsere
selbstsüchtige Aufsicht? Lassen wir sie ihre Gesichter der Welt zeigen, und
lassen wir sie die Welt sorgfältig betrachten. Es gibt nichts, war wir dabei zu
fürchten hätten."
Die gleichfalls oben schon genannten Maßnahmen zur Herstellung von
Chancengleichheit im Bildungsbereich wurden rechtlich dadurch ermöglicht, daß
die Schulen unter vereinheitlichende staatliche Aufsicht kamen (Die Medresen
wurden geschlossen). Dies gestattete ferner eine Modernisierung des
Lehrstoffes, seine Öffnung für Erfordernisse des praktischen Lebens, die in den
religiösen Schulen hintangestellt gewesen waren.
Gleich drei Zielen diente die Einführung des lateinischen Alphabets im Jahre
1928: einmal der Sicherstellung gleichen Lese- und Schreibunterrichts für alle
Schüler, sodann die Gewinnung einer Schrift, die der vokalreichen türkische
Sprache gemäßer war als die bis dahin gebräuchliche arabische, und schließlich
die Erleichterung der Kommunikation mit dem Großteil der übrigen Welt.
Diese Reform wurde mit außerordentlichen Tempo und nicht allein auf dem Weg
über die Schule vorangetrieben. Wie sehr dem Staatspräsidenten an ihr gelegen
war, ist daraus ersichtlich, daß er selber in einem Istanbuler Park an einer
Schiefertafel Unterricht erteilte.
Doch war dies nicht die einzige Reform im Bereich der Sprache: Es war für die
Kemalisten ein verständliches Ärgernis, daß das Türkische in zwei Versionen
nebeneinander gesprochen wurde - in der Version des Osmanli, gesprochen am Hof
und in der Oberschicht, mit einem hohen Anteil persischer und arabischer
Wörter, und in der Version der Sprache des einfachen Volkes. Nun wurde eine Reinigung
des Türkischen von Vokabeln fremder Herkunft in Gang gesetzt. Sie hatte einen
so durchgreifenden Erfolg, daß beispielsweise Mustafa Kemals "Große
Rede" von 1927 später in das nunmehr gebräuchliche Türkische übertragen
werden mußte. Aber auch dem Koran-Arabischen verblieb, ähnlich wie dem
Lateinischen in der christlichen Welt, nur die sehr eingeschränkte
Bedeutsamkeit einer Kirchensprache.
Dafür erklang jedoch der Ruf des Muezzin auf Türkisch, und auch die Gebete in
der Moschee wurden in der allen Gläubigen verständlichen Sprache verrichtet,
was die Glaubensinhalt näherbringen konnte.
Die Bemühungen um Sprachreinigung wurden auf akademischem Niveau unterstützt
durch die 1932 gegründete "Geselschaft für türkische Sprache". Ihr
war im Jahr zuvor schon die Gründung einer "Gesellschaft für türkische
Geschichte" vorausgegangen. Beide Institutionen ließen sich besonders die
vor-osmanische, ja vor-islamische Zeit angelegen sein, die bislang ganz
vernachlässigt worden war. Sie leisteten damit auch einen Beitrag zur Findung
einer nationalen Identität. Sie waren Haupterben in Mustafa Kemals privatem
Testament.
In besonderem Maße religiös ausgerichtet war mit den geistlichen (Scharia-
Şeriat) Gerichtshöfen die Rechtsprechung gewesen. Nach der Abschaffung dieser
Gerichte, erarbeiteten Ausschüsse der "Großen Nationalversammlung"
bis zum Frühjahr 1926 ein Strafgesetzbuch nach italienischem und ein
Bürgerliches Gesetzbuch nach Schweizer Vorbild. - Doch wurden nicht nur
bewährte geistige Produkte des Westens ins Land geholt, sondern auch Personen
eingeladen, Gelehrte, die beim Aufbau der Universität mithalfen - darunter
mancher Emigrant aus Hitler-Deutschland, etwa Ernst Reuter, später Regierender
Bürgermeister von Berlin.
Zu nennen sind noch Reformen von weniger substantieller Bedeutung, die
gleichwohl den Alltag veränderten. Ihnen gemeinsam sind Absicht und Eignung,
Fremdheitsbarrieren zwischen dem westlichen Ausland und der Türkei abzubauen.
Es handelt sich um
1. die Abschaffung des Fes 1925 (zugunsten des Hutes, bis dahin
Kennzeichen der Ungläubigen; Mustafa Kemal unternahm eine werbende Reise ins
Land mit einem Panamahut - und großem Erfolg)
2. die Einführung des Gregorianischem Kalenders (und des Sonntags
statt des Freitags als Ruhetag) im selben Jahr
3. die Einführung der europäischen Maß- und Gewichtssysteme 1931
4. die Einführung von Familiennamen 1934. Mustafa Kemal wurde von
der "Großen Nationalversammlung" mit dem ATATÜRK ("Vater der
Türken") geehrt.
Daß ATATÜRK - der Name sei hier aufgenommen - einerseits seinem Volk ein neues
nationales Selbtwertgefühl zu vermitteln suchte und andererseits die Türkei mit
großer Entschlossenheit zu einer unterschiedlichen, nämlich der westlichen
Kultur hin öffnete, mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Er
hatte aber erkannt, daß im Gegenteil beide Bemühungen einander dialektisch
bedingen: Nur wer Eigenes vorzuweisen hat und pflegt, ist anderen von Interesse
und Nutzen - und nur wer von anderen Gutes und Zukunftsträchtiges übernimmt,
bleibt auf der Höhe der Zeit und bleibt in der Lage, das Eigene zu hüten und
weiterzuentwickeln. Die Doppelbemühungen spiegelte sich übrigens in der Person
Atatürks selbst anschaulich in seinem Verhältnis zur Musik: Auf der einen Seit
unternahm er vieles, um bei seinen Landleuten den Geschmack an der europäischen
Musiktradition zu wecken, auf der anderen Seite sang er gern und auch im
größeren Kreis alte türkische Lieder.
POPULISMUS
Beim
zweiten Prinzip, dem "Populismus", gibt ebenfalls die Bezeichnung
heute zu einem Mißverständnis Anlaß: Gemeint ist nicht das Sich-Beliebt-Machen
beim Wahlvolk. Gemeint ist vielmehr die Aufweckung des Volkes aus
schicksalsergebener politischer Lethargie, die Mobilisierung der hier
schlummernden Kraft des Gemeinsinns. "Populismus" ist insofern mit
"Nationalismus" zusammenzudenken. "Wenn eine Nation sich um ihre
Existenz und ihre Rechte nicht mit ihrer gesamten Stärke einsetzt ..., dann
kann sie nicht gerettet werden.. . Wir beginnen unser Werk bei dem Dorf und bei
der Nachbarschaft und bei den Menschen um uns herum, das heißt bei dem
Individuum.
Um sich selbst zu retten, muß sich jedes Individuum für seine Geschicke
einsetzen. Eine Struktur, die in dieser Weise von unten nach oben aufsteigt,
von den Grundlagen zum Dach, wird unzweifelhaft fest sein", an eine
programmatische Feststellung Mustafa Kemals. Natürlich war ein solcher
"Populismus" nicht etwas, das dem Volk durch die Kemalisten allererst
hätte aufgeredet werden müssen; er hatte seine Anfänge schien in den Aufständen
gegen die Besatzungsmächte im Vorfeld den Befreiungskrieges, und Begeisterung
und aufopfernder Einsatz in diesen Monaten und mehr noch im Befreiungskrieg
selbst bedeuteten ein Gemeinschafserlebnis, welches das Bewußtsein auf Dauer
formte. Dennoch mußte und konnte das so Gewordene in der Folgezeit durch
politische Maßnahmen unterstützt werden. Stichwort hierfür war
Gleichberechtigung. Denn wenn effektive Mitwirkung beim Aufbau des neuen
Staaten nur einem Teil der Bevölkerung möglich war, ließ sich beim Rest kaum
Engagement erwarten.
Auf einem Kongreß von Mustafa Kemals Republikanischer "Volks"-Partei
- schon der Name ein Programm - wurde folgendermaßen definiert: "Für uns
bedeutet Populismus, daß die Menschen vor dem Gesetz absolut Gleich behandelt
werden und keinerlei Unterschiede der Klasse, Gesellschaft, Familie oder Person
gemacht werden. Wir betrachten die Bevölkerung der Republik Türkei nicht als
ein Ganzes, das aus unterschiedlichen Klassen besteht, sondern als eine
Gemeinschaft verschiedener Berufsgruppen, die sich nach den Bedürfnissen des
sozialen Lebens des türkischen Volkes und des jeweiligen Arbeitsbereiches einer
Person unterscheiden." Eine solche Gleichstellung aller konnte sich
freilich nur in dem Maße verwirklichen, wie althergebrachte Ungleichheiten
abgebaut wurden.
Hier sind als eindrucksvolle Fortschritte zu nennen, Maßnahmen zu
Gleichberechtigung der Frau (im politischen Raum: kommunales Wahlrecht seit
1930, passives Wahlrecht zu Gemeinderäten seit 1933, allgemeines Wahlrecht -
früher als etwa in der Schweiz - seit 1934) - und Maßnahmen zur Egalisierung
des Bildungsstandes (durchgesetzte Schulpflicht, Vereinheitlichung des
Lernstoffs, neues Alphabet; Einrichtung von Volkshäusern). Diese Reformen
werden weiter unten noch in einem größeren Zusammenhang gewürdigt werden.
REPUBLIKANISMUS
Als
drittes "Prinzip" der "Republikanismus". Bei diesem Prinzip
handelt es sich formal um nichts anderes als um die staatsrechtliche
Ermöglichung des "Populismus", also um die verbindliche Feststellung,
daß die Saatsgewalt nun nicht mehr bei einem Sultan-Monarchen lag, sondern eine
"res publica", eine "öffentliche Sache", war. Hatte schon,
im Einklang mit den politischen Realitäten, der Paragraph 1 der Verfassung von
1921 gelautet: "Die Souveränität ist absolut ausschließliches Eigentum des
Volkes. Alle Regierungsgewalt wird einzig und uneingeschränkt vom Volke selbst
ausgeübt", so enthielt, nach der tatsächlichen Abschaffung des Sultanats,
die Verfassung von 1923 die förmliche Ausrufung der Republik. Diese Veränderung
mag dem heutigen Betrachter als nichts anderes denn als beglückendes Geschenk
an das Volk erscheinen.
Für die Menschen damals bedeutete sie aber zugleich - so sehr der gemeinsame
Befreiungskampf auch ihr politisches Bewußtsein geweckt haben möchte - eine
nicht leichte Umstellung: Mindestens in den mehr als 620 Jahren osmanischer
Herrschaft hatte die Macht immer in den Händen eines einzigen gelegen. Ihre
Zuweisung an die eigene Freiheit eines jeden mußte in vielen zunächst
Ratlosigkeit, ja das Gefühl von etwas Gefährlichem erzeugen. Das Vorbild des
verständigen Staatsbürgers bedurfte unter diesen Umständen einer eher längeren
Entwicklungszeit. Entsprechend konnten aber auch nicht die Strukturen einer
vollen "Volksherrschaft" in Gänze sofort eingerichtet werden, obwohl
sie, wie auch Kritiker bezeugen, Mustafa Kemal ein Grundanliegen war. Dies
wurde zum Beispiel deutlich bei den beiden Versuchen 1924 und 1930, eine
Oppositionspartei einzuführen: Sie war jeweils in kurzer Zeit zum Sammelbecken
von radikalen Gegnern schon verfassungsmäßig verankerter Errungenschaften
geworden. Die Versuche wurden rückgängig gemacht. Der Staatspräsident und die
überzeugten Kemalisten nahmen im Sinne einer Verantwortungsethik lieber das
Odium einer noch unvollkommen Demokratie auf sich als die Erreichung von Zielen
aufs Spiel zu setzt, die ihrerseits, wie noch zu zeigen sein wird, zum
Inbegriff von Demokratie gehören. Im übrigen waren die
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Flügeln des "oppositionslosen"
Parlaments ausgeprägter als in mancher damaligen und heutigen Parteikoalition.
(Ausländische Beobachter haben die Lebhaftigkeit des Abgeordnetendisputs oft
unterstrichen).
Die "Große Nationalversammlung" war keineswegs, wie die
"Volksvertretung" in Diktaturen, ein Popanz, sondern fällte jeweils
die letzte Entscheidung - mit einem Interventionsspielraum für den
Staatspräsidenten, wie ihn vergleichbar auch die amerikanische und die jetzige
russische Verfassung kennt. Sich darüber hinaus zum uneingeschränkten Diktator
zu erheben, wäre Mustafa Kemal, der weit überragenden politischen
Persönlichkeit des Landes, bei der Sympathie des Volkes nicht schwergefallen
(Sultanat und Kalifat wurden ihm ausdrücklich nahegelegt). Er hielt sich aber
demonstrativ im Rahmen der Gesetze, gab zeitlich begrenzt erteilte Vollmachten
wieder zurück und verzichtete in den dreißiger Jahren auch auf manche
Einflußmöglichkeiten in der Innenpolitik. Bereits in der schon erwähnten Großen
Rede im Oktober 1927 hatte er sich für seinen Teil an der Verantwortung für
harte Entscheidungen auf dem Weg der Türkei seit 1919 gerechtfertigt - wozu er
von niemanden genötigt worden war.
ETATISMUS
Als
fünftes Prinzip soll der "Etatismus" erläutert werden. Gemeint ist
damit das Eingreifen des Staates in die Wirtschaft. Ein solches Eingreifen
erschien unumgänglich angesichts der ökonomischen Ausgangslage des jungen
Staates, die als Zustand nahezu völliger Erschöpfung gekennzeichnet werden muß.
Die Kriege der voraufgegangenen Jahrzehnte hatten einen enormen Aderlaß an
Arbeitskräften und Intelligenz mit sich gebracht. In der Landwirtschaft, der
Haupterwerbsquelle der Türkei, lagen weite Flächen brach, Transportmittel
fehlten, auch fehlten Fachleute, welche die Anbauweise absatzfähiger Produkte
wie Tee und Zitrusfrüchten hätten lehren können. Von einer Industrie ließ sich kaum
sprechen. Selbst Grundbedarfsgüter wie Stoffe waren zu importieren. Und es
fehlten kapitalkräftige Investoren und auch hier Experten für die sachgemäße
Ankurbelung der Produktion. Der Zustand der Staatsfinanzen war
selbstverständlich noch der trostlose der letzten osmanischen Jahrzehnte;
Eisenbahn, Häfen und Infrastruktur großer Städte wurden von ausländischen
Unternehmen betrieben und brachten also dem Fiskus keine Einkünfte. Er hatte
seinerseits noch über lange Zeit hin Auslandsschulden zu begleichen.
Noch vor dem Lausanner Vertrag (der immerhin die "Kapitulation"
aufhob) berief Atatürk für Februar 1923 eine Wirtschaftskonferenz nach Izmir
ein. Er verdeutlichte dort den hohen Rang, den er der Wirtschaft im neuen Staat
beimaß: "So groß die militärische und politische Siege auch immer sein
mögen, wenn sie nicht durch wirtschaftliche Sieg gekrönt werden, könne die
errungenen Siege keinen Bestand haben." In diesem Sinne reif er zu
finanziellem Engagement auf - doch es gab wenig reiche Türken in dieser Zeit
(und hätte es sie gegeben, wäre es überzeugten "Populisten" auch
schwergefallen, einer bestimmten "Schicht" das Feld zu überlassen).
So gut es ging - Auslandsanleihen wollte man schon aus Nationalgefühl nicht
nehmen, und sie wären auch nicht leicht zu bekommen gewesen - , griff also der
Staat ein, wo das Notwendige anders nicht getan werden konnte. Den Bauern, den
"wahren Herren der Türkei", wurde geholfen durch Abschaffung der
Zehntel-Steuer, die vorher manchen die Existenz bitterschwer gemacht hatte, durch
Einführung von Genossenschaften zur Ausschaltung spekulativen Zwischenhandels
und am fühlbarsten durch Kleinkredite, welche die staatliche
"Agrarbank" zu minimalen Zinsen und, bei Mißernten, mit
Zahlungsaufschub gewährte, und auch durch Gründung einer Fachschule für
Agronomie.
Eine mit Recht als wichtig erachtete Bodenreform scheiterte 1937 - Atatürk war
schon krank - an der parlamentarischen Hürde. - Der Industrie kamen ein
besonderes Förderungsgesetz (1926), Handelsgesetze und Schutzzölle zugute, ferner
gab es finanziellen Rückhalt für die Errichtung neuer Produktionsstätten über
das Land hin und für die Schaffung einer Handelsflotte. Für die weitere Zukunft
bedeutsam war das Wirken der Eti-Bank, welche die kostspielige Suche nach
Bodenschätzen finanzierte. - Eine Reihe wichtiger Unternehmen übernahm der
Staat auch in Eigenregie, zum Beispiel die Eisenbahn (hier kamen zu den 3000 km
Bahnstrecke aus der ganzen osmanischen Zeit binnen acht Jahren 2000 km hinzu):
Erwähnt sei schließlich noch die Institution der Zentralbank, die etwa mit der
Deutschen Bundesbank vergleichbar ist. Entscheidend für die richtige Einordnung
dieser Politik ist der Tatbestand, daß der Staat dort und nur dort eingriff, wo
private Möglichkeiten zur Erreichung eines wichtigen Zieles nicht ausreichten.
"Etatimus" war also stets "partieller Etatismus". Er
stellte einen pragmatisch gewonnen eigenständigen Mittelweg dar zwischen
Privatkapitalismus und Staatskommunismus: Die Ausbeutung des Menschen durch den
Staat sollte ebenso verhindert werden wie die des Menschen durch den Menschen.
Im übrigen ist es feststellenswert, daß die Türkei die Weltwirtschaftskrise um
1929 mit weniger Schäden (namentlich auch ohne Hinwendung zum politischen
Radikalismus) durchstand als manche ihr ökonomisch weit überlegene Staaten.
REVOLUTIONISMUS
Schließlich
zum sechsten Prinzip, dem "Revolutionismus". Das türkische Wort
"Devrimcilik" wird auch mit "Reformismus" übersetzt; seine
Bedeutung changiert wohl, wie sich etwa in der Wortschöpfung
"Hutrevolution" zeigt, zwischen diesen beiden Begriffen.
An "Revolutionismus" paßt nicht recht der Anklang an selbstgerechte
Gewaltsamkeit, wie sie mit Umwälzungen wie denen von 1789 und 1917 verbunden
war, von Atatürk aber verabscheut wurde. Andererseits empfiehlt sich dieses
Wort aber durch seine gegenüber "Reformismus" stärkere emotionale
Färbung und mehr noch wegen des gewaltigen Ausmaßes der Veränderungen in der
Türkei der zwanziger und dreißiger Jahre.
Dieses Prinzip als letztes vorzustellen wird nahegelegt durch eine begriffliche
Besonderheit: Es bezieht sich nicht wie die voraufgegangene auf eine bestimmte
Erscheinung im Raum des Politischen (Nation, Republik, Wirtschaftssteuerung),
sondern will Atatürks Vorstellungen zum Ausdruck bringen, daß der
Veränderungswille in den Bereichen der übrigen fünf Prinzipien nicht zu einem
absehbaren Ende kommen dürfe. "Revolutionismus" meint also genau
genommen die Gesinnung und den Schwung, welche die Revolution permanent werden
lassen. Motivierendes Gegenbild war gewiß die lähmende Erstarrtheit in
Traditionen, durch die die letzte osmanische Zeit gekennzeichnet gewesen war -
wie denn auch ein signifikanter Unterschied besteht zwischen der verbreiteten
strangulierenden Über-Geregeltheit unter der Sultanherrschaft und den
weiträumigen, modfizierbaren "Prinzipien" (besonders ersichtlich beim
"Etatismus").
Feststehend war allerdings, auch bei dem so dynamisch aufgefaßten
"Revolutionismus", die Zielrichtung, die Anhebung einer Nation
ebenbürtigen Türkei auf das Niveau westlicher "Zivilisation" - aus
pragmatischer Einsicht in deren Vorsprung bei der Gestaltung der globalen
Zukunft. In der Konsequenz des "Revolutionismus" liegt natürlich -
und das läßt ihn stets besonders aktuell sein - daß auch Wandlungen im Westen
selbst, sofern auf Freiheit und Glück der Menschen gerichtet, aufgenommen
werden, auch wenn dabei eine
bisherige Linie verlassen werden muß.
NACHWORT
Konzeption
und Verwirklichung all der hier skizzierten Umbrüche binnen weniger Jahre sind
eine Leistung, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht und sind zu Recht
mit dem Namen ATATÜRK verbunden. Entsprechend auf ihn konzentriert war der Haß
fanatischer Gegner (1926 entging er in Izmir nur knapp einem Attentat, das von
Muslimen ausging); entsprechend auf ihn konzentriert waren aber auch in
unvergleichlich größerem Ausmaß Verehrungen und Liebe.
Besonders mag ihn der begeisterte Empfang gefreut haben, als er 1927 zum
erstenmal wieder nach Istanbul kam, das er, weil es ihm der Sammelpunkt des
Oppositionellen schien, seit 1919 gemieden hatte. Offene Dankbarkeit bekundeten
ihm über das ganze Land hin insbesondere die Frauen. Ihnen, die wenige Jahre
zuvor in den öffentlichen Verkehrsmitteln noch getrennt von den Männern fahren
mußten, hatte Atatürk ja durch Wort und Tat einer Gleichberechtigung verholfen,
die nicht in jedem europäischen Land schon erreicht war. Auch auf der
innenpolitischen Bühne wurden die Jahre ruhiger. Die "Große
Nationalversammlung" wählte den Vordenker und Motor der "türkischen
Revolution" 1935 zum vierten Mal als Staatspräsident.
Der Mensch Atatürk erschien in den letzten Jahren seines Lebens gelegentlich
von einer wahrhaft begreiflichen Ermattung gestreift. Entspannung und Freude
machte er dann und wann auf seinem Landgut "Orman Çiftligi" - und
hätte sie gewiß in einer Familie gefunden, wenn ihm zur Gründung einer solchen
die Muße geblieben wäre. Eine anrührende Bemühung in dieser Richtung war die
Adoption von insgesamt acht Kindern, Mädchen, die er im modernen Sinne förderte
und in deren Kreis er sich glücklich fühlte.
Die zunehmende gesundheitliche Störungen seit 1937 wurde im Januar 1938 als
Ursache einer unheilbaren Lebererkrankung diagnostiziert. Eine entschiedene
Verschlimmerung trat im Juli ein, nachdem er im äußersten Südostanatolien, im
Zusammenhang mit einer in Lausanne beschlossenen Volksabstimmung über die
endgültige Grenzziehung dort, in glühender Hitze Truppenparaden abgenommen
hatte. Er verbrachte das nächste Vierteljahr als wirklich schwer Kranker auf
einer Yacht am kühleren Marmarameer. Danach war die Verlegung in sein in den
Letzten Jahren üblich gewordenes Istanbuler Domizil, den ehemaligen Sultanpalst
notwendig. Hier sang ihm am fünfzehnten Jahrestag der Republikausrufung eine
Studententruppe das Lied "Der Morgennebel ist auf Gipfel der Berge gesunken...
= Dağ başını duman almış...", mit dem er die Erinnerung an die Fahrt von
Samsun nach Erzurum 1919 verband. Er starb am 10 November 1938.
Der Leichnam wurde mit militärischem Geleit vor eine von Trauernden gesäumte
Bahnstrecke nach Ankara gebracht. In Ankara ruht er heute in einem
großangelegten Mausoleum, ANITKABİR.